Christian Bobst

Reportage, 2016

Der Fels von Ngor

Kategoriensieger "Reportage" 2016

Dakar, 3. März, 2015. Kherou Ngor, ein junger Wrestling-Champion aus dem Quartier Ngor in Dakar, trainiert 3-4 mal pro Woche auf der mehr als 200 Meter langen Treppe des Monuments der afrikanischen Renaissance, eine der grössten Bronzestatuen der Welt. Die senegalesischen Wrestler legen sich Fantasienamen als Pseudonyme zu. Der Name Kherou Ngor bedeutet

SENEGALESISCHER RINGKAMF KHEROU NGOR wrestling LUTTE SENEGALAISE

Dakar, 9. April, 2015. Junge Wrestler trainieren am Strand von Ngor. Zusammen bilden sie eine Wrestling-Equipe, der auch Kherou Ngor angehört. Sie begleiten sich gegenseitig zu den Wettkämpfen, treten dort als Team auf und würden bei einem offiziellen Kampf nicht für alles Geld der Welt gegeneinander antreten.

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Dakar, 11. August, 2015. Kherou Ngor giesst an einer heiligen Stelle im Meer Kuhmilch über sich, dies als Opfer für einen mächtigen Geist, der in den Steinen am Strand hausen soll. Durch das Ritual hofft der Wrestler die macht des Geistes im Kampf auf seiner Seite zu haben. Er führt dieses Ritual 2-3 mal pro Woche durch.

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Dakar, 8. August 2015. Kherou Ngor (ganz vorne im Bild) trainiert mit seinem Boxtrainer am Strand von Ngor. Einwohner des Quartiers von Ngor schauen zu, für sie sind die Trainings-Sessions der Wrestler immer eine willkommene Unterhaltung.

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Dakar, 8. August, 2015. Kherou Ngor opfert Kuhmilch am Grab seines Grossvaters, der schon einige Generationen früher ein berühmter Wrestler war. Die ganze Familie unterstützt den jungen Wrestler, so auch Kherou Ngors Onkel, der ein bekannter und respektierter Marabout im Quartier Ngor von Dakar ist.

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Dakar, 5. April, 2015. Der Cousin des Wrestlers Kherou Ngor fungiert als sein persönlicher

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Dakar, 22. Juli, 2016. Vor dem Gang ins Stadion versammelt sich das ganze Quartier vor der Pforte des Hauses der Familie von Kherou Ngor, um ihn für den bevorstehenden Kampf anzufeuern. Zur Vorbereitung auf den Kampf tanzt Kherou Ngor sich zusammen mit anderen Wrestlern seiner Equippe zu ohrenbetäubenden Trommelklängen in Trance, bis er unter der stechend heissen Mittagssonne vor Erschöpfung fast zusammenbricht.

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Dakar, 22. Juli, 2016. Auf dem Dach eines Hauses, das sich gegenüber des Familienanwesens des Wrestlers Kherou Ngor befindet, verfolgen die Kinder den Tanz des Wrestlers. Viele der kleinen Knöpfe wissen jetzt schon, dass sie eines Tages auch mal berühmte Wrestler werden wollen. Einige der Dreikäsehochs trainieren auch tatsächlich schon in bekannten Wrestling-Schulen in Dakar.

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Dakar, 22. Juli, 2016. Der Wrestler Kherou Ngor macht sich auf, um im Stadion Iba Mar Diop gegen einen Gegner anzutreten. Er wird vom ganzen Quartier von seinem Familienhaus bis zum Dorfplatz begleitet, wo ein Bus auf den Wrestler, sein Team und seine Fans wartet und diese zum Stadion fährt.

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Dakar, 22. Juli, 2016. Die Stimmung im Stadion Iba Mar Diop, in dem Kherou Ngor an diesem Tag gegen seinen Gegner antritt, ist am Kochen. Die Wrestler heizen ihre Fans mit Tanz und schamanistischen Ritualen an. Im Stadion Iba mar Diop werden regelmässig mittelgrosse Kämpfe durchgeführt, welche auch Im Fernsehen übertragen werden.

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Dakar, 22. Juli, 2016. Kherou Ngor betritt die Arena im Stadion Iba Mar Diop. Er fixiert seinen Gegner, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions aufwärmt. Über sein Gesicht perlen Tropfen eines Gemisches aus einer Zauberflüssigkeit und Schweiss. Die Amulette, die er am Hals und am Körper trägt, sollen den Wrestler nicht nur schützen, sondern ihm auch übernatürliche Kräfte verleihen.

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Dakar, 22. Juli, 2016. Kherou Ngor trifft seinen Gegner Gori mit einem gezielten, schnellen Faustschlag. Er ist bei seinen Gegnern berüchtigt für seine Siege durch K.O.-Schläge. Die Lutte Senegalaise kennt zwei Diziplinen, den klassischen Ringkampf, genannt

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Dakar, 22. July, 2016. Nach seinem Sieg im Stadion Iba Mar Diop fährt Kherou Ngor auf dem Dach eines Pick-Ups  triumphierend im Stadtteil Ngor ein, wo er von den Bewohnern des Quartier frenetsich gefeiert wird. Die Fans sind völlig ausser Rand und Band, die Szene gleicht der Rückkehr eines siegreichen Kriegers in sein Dorf.

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Dakar, 4. April, 2015. Stolz zeigt Kherou Ngor ein Youtube-Video, auf welchem einer seiner wichtigsten Siege im Stadion Demba Diop, dem grössten Fussballstadion der Stadt, verewigt ist. Der Kampf wurde landesweit im Fernsehen übertragen und später vom Fernsehsender online gestellt. Viele junge Leute in Senegal  besitzen bereits Smartphones, die Wrestler sind auf Youtube und Facebook populär und nutzen die Social Media Kanäle, um ihren Status aufzuwerten.

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Dakar, 23. Juli, 2016. Der Wrestler Kherou Ngor ruht sich ein Tag nach einem Erfolg im Stadion Iba Mar Diop in seinem Zimmer am Strand von Ngor zufrieden auf seinen Lorbeeren aus. Das Preisgeld für seinen Sieg teilt er mit seiner Familie und dem Dorf, für ihn selber bleibt nicht viel mehr als Ruhm und Ehre, dafür ist er für seine Grossherzigkeit und seinen Erfolg im ganzen Quartier beliebt. Kherou träumt davon, eines Tages der König der Arena zu werden. In seinem Quartier ist er heute schon der König der Herzen.

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Projektbeschrieb

Ringen, auf Französisch „la lutte“genannt, ist in Senegal die weitaus populärste Sportart. Tausende junger Männer üben sich im Ringkampf und träumen von einer Wrestling-Karriere. So auch Djibril Ndir, ein junger Mann aus dem Quartier Ngor in Dakar. Er hat sich den Wrestler-Namen „Kherou Ngor“ gegeben, was so viel wie „Der Fels von Ngor“ heisst. Djibril träumt davon, eines Tages den Titel „Le roi des arènes“ zu holen. Durch den Einstieg großer Sponsoren ist die "Lutte sénégalaise“ nämlich zum Millionen-Business geworden, welches die erfolgreichsten Wrestler zu medialen Superstars und Euro-Millionären macht.

Bei der „Lutte sénégalaise“ geht es nicht nur um Muskeln und Millionen, auch Magie spielt eine wichtige Rolle. Ohne die mächtigen Marabouts, wie die Senegalesen ihre Schamanen nennen, geht gar nichts. Die Wrestler geben oft sehr viel Geld aus, um ihre Gegner mit Amuletten, Zaubertränken und Geheimritualen zu übervorteilen. Im westlichen Volksmund werden diese Praktiken oft „Voodoo“ genannt; in Senegal heisst dies „Gris-gris“. Kherou Ngor hat Glück, da einer seiner Onkel ein sehr angesehener Marabout ist. Dessen Söhne unterstützen den Lutteur als schamanistische Helfer, bringen am Familienschrein Opfer, versorgen ihn mit „Gris-gris“-Amuletten und begleiten ihn zu den Kämpfen.

Der erste Teil meiner Fotoreportage über die senegalesischen Wrestler entstand bei zwei Reisen im April und August 2015. Im Januar 2016 wurde die Story erstmals im Magazin Stern publiziert, danach in zahlreichen anderen Magazinen und Zeitungen weltweit. Das Bild, auf welchem sich der Wrestler Kherou Ngor im Meer mit Milch übergiesst, erhielt dabei besonders viel Beachtung. Im Juli 2016 reiste ich deshalb wieder nach Senegal, um die Geschichte von Djibril Ndir alias Kherou Ngor zu vertiefen.

Publikationsinformationen

Titel der Arbeit
Der Fels von Ngor
Publikation
Stern
Ausgabe
Nr. 5 28.1.2016
Seite(n)
80-90